EHC kämpft Meisterschafsanwärter Hannover nieder

Wer hat denn bitteschön damit gerechnet? Grundsätzlich die wenigsten, und wahrscheinlich erst recht nicht nach den personellen Hiobsbotschaften der vergangenen Tage. Ohne die Langzeitverletzten Macus Götz, Kevin Handschuh und Michael Jamieson rückte der EHC Neuwied noch enger zusammen und schaffte mit dem 4:3 (0:1; 2:0; 2:2)-Heimsieg gegen die Hannover Scorpions die Sensation des 8. Spieltags in der Eishockey-Oberliga Nord, ja wahrscheinlich sogar die Sensation schlechthin im bisherigen Saisonverlauf. Wie funktioniert so etwas gegen einen haushohen Favoriten, und das zwei Tage nach dem chancenlosen Auftritt bei den Icefighters Leipzig? „Alle haben mit großem Herz gespielt“, strahlte Trainer Jeffrey van Iersel bei der Pressekonferenz.
Zu solch einem besonderen Abend zählt, auch Rückstände, die man gegen einen mit ehemaligen DEL- und DEL2-Spieler gespickten Kader bei allem Kampf und Einsatzwillen einkalkulieren muss, wegzustecken. „Unsere Aufgabe war es, das Spiel engzuhalten“, schilderte van Iersel. Das gelang. Auch nach Levi Holzhausens 0:1, der in der zwölften Minute einen Nachschuss unter die Latte setzte. Die Gastgeber verteidigten vor 1016 Zuschauern mit allem, was sie hatten, aber setzten auch ihre Akzente, sodass die offizielle Schussstatistik von 33:38 aus Sicht der Neuwieder gar nicht so erdrückend ausfiel wie von manchem erwartet. Die Gastgeber rührten vor Felix Köllejan, der zum Spieler des Spiels gewählt wurde, nicht nur Beton an, sondern suchten auch mutig ihre Chance nach vorn. So wie Mikka Dietzschold zum Beispiel in der 26. Minute. Der Förderlizenz-Verteidiger zog von der blauen Linie über die linke Seite ins Hannoveraner Drittel und erwischte den ehemaligen Kölner DEL-Torhüter Oleg Shilin über der Fanghand im langen Eck. Und da ging noch mehr. In einer Druckphase der Scorpions unterlief Carson McMillan, unter Druck gesetzt von Jason Struck, ein Fehlpass, an dessen Ende das 2:1 durch Adrian Kuhn stand (32.). „Spiel eng halten“ – jetzt hatten sich die Bären sogar einen Joker erarbeitet.
Mit einem wütenden Anrennen der Scorpions war zu rechnen. Auch das kontrollierte Neuwied größtenteils. Thomas Supis‘ Schlagschuss von der blauen Linie bedeutete zwar das 2:2 (45.), aber auch jetzt verkrochen sich die Gastgeber keineswegs im Schneckenhaus. Im Gegenteil. Sie boten den Niedersachsen die Stirn, legten erneut vor. Kapitän Jeff Smith reagierte blitzschnell auf einen Fehler von Shilin, nahm mit dem Abpraller Maß und versenkte die Scheibe zum 3:2 (47.). Als Juuso Rajala im Powerplay auf der rechten Seite dann das Tempo zunächst verschleppte, dann aber unvermittelt aufs kurze Eck abzog und Shilin überraschte, deutete sich die große Überraschung endgültig an. Justin Kirsch zog mit dem Anschlusstreffer den Spannungsbogen für heiße Schlussminuten noch einmal an (56.). Zunächst raubte sich der Tabellenzweite durch ein Beinstellen von Jayden Lammel zwei Minuten wichtige Zeit, die die Bären in Überzahl auf dem Eis standen, dann zog Trainer Rico Rossi Torwart Shilin zu Gunsten eines sechsten Feldspielers. Die Bären hatten bange Sekunden zu überstehen. Hannover feuerte noch einmal aus allen Lagen gegen die heruntertickende Uhr, aber mit purem Willen verteidigte van Iersels Team den Vorsprung ins Ziel.
„Für uns war es ein großartiger Abend. Wir haben bissig wie Hunde gespielt und nach der Niederlage in Leipzig am Freitag die Extramotivation gezeigt, die uns zum Sieg geführt hat. Wir können stolz auf jeden einzelnen in der Kabine sein“, lobte van Iersel den Zusammenhalt seiner Mannschaft, der sie zu drei wahrlich nicht eingeplanten Punkten führte.

Neuwied: Köllejan – Dietzschold, Marten, Plauschin, Polok, Becker, Derraugh, Esche, Riegel – Asbach, Erkinjuntti, Rajala, Stumpe, Chetik, Habeck, Smith, Struck, Dötsch, Kecojevic, Kuhn, Sprez.
Hannover: Shilin – Dronia, Beck, Supis, Raab, Montgomery, McMillan – C. Smith, R. Smith, McDonald, Lammel, Holzhausen, Miglio, Aquin, Gaidel, Kopietz, Kiedewicz, Kirsch.
Schiedsrichter: Christian Perlitz/Hendrik Pernt.
Zuschauer: 1016 (plus 634 Buchungen bei SpradeTV)
Strafminuten: 6:10.
Tore: 0:1 Levi Holzhausen (Dronia) 12‘, 1:1 Mikka Dietzschold (Sprez, Rajala) 26‘, 2:1 Adrian Kuhn (Stumpe, Struck) 32‘, 2:2 Thomas Supis 45‘, 3:2 Jeff Smith (Sprez, Polok) 47‘, 4:2 Juuso Rajala (Smith, Plauschin) 50‘, 4:3 Justin Kirsch (R. Smith, Miglio) 56‘.