Bären kämpfen wie die Gallier

BÄREN NEWS | 2018

7:6-Sieg in Herford: Die Serie kommt zurück nach Neuwied

Was ist der Unterschied zwischen der englischen Fußballnationalmannschaft und den Eishockeyspielern des EHC „Die Bären“ 2016? Die Kicker von der Insel haben jahrzehntelang Elfmeterschießen geübt – immer und immer wieder -, um bei Welt- und Europameisterschaften dann doch vom Punkt zu scheitern. Die Neuwieder haben unter der Woche das Penaltyschießen ins Trainingsprogramm mitaufgenommen und in dieser Disziplin am Freitagabend die Nerven behalten. Fünf Schützen – Matyas Kovacs, Gleb Berezovskij und Jan-Niklas Linnenbrügger auf Seiten des Herforder EV, Stephan Fröhlich und Martin Brabec für den EHC  waren gescheitert – als Kevin Wilson ganz alleine auf Kieren Vogel zulief. Eine Körpertäuschung nach rechts, die anschließende Finte nach links, den Puck in die Maschen – der Rest war Jubel. Nach zwei knappen Niederlagen in den ersten beiden Halbfinalpartien in der Eishockey-Regionalliga West wehrten die Neuwieder mit dem 7:6-Erfolg nach Penaltyschießen den ersten Matchball des amtierenden Meisters ab und holten die Serie zurück ins heimische Icehouse, wo am Sonntagabend ab 19 Uhr der vierte Vergleich steigt. „Wir hatten uns gesagt, dass es nicht sein kann in drei Jahren von Herford dreimal mit 0:3 weggesweept zu werden. Die Mannschaft wollte sich belohnen für eine erfolgreiche Saison und hat das mit einer Energieleistung geschafft“, atmete EHC-Teammanager Carsten Billigmann, der gemeinsam mit Andreas Halfmann und Alexander Rodens auf der Bank die Marschrichtung vorgab, nach der neuerlichen Nervenschlacht auf.
Mit einer Entscheidung, die Billigmann vor dem dramatischen Shootout fällte, bewies er nicht nur immense Courage, sondern auch ein glückliches Händchen. Für den in 65 Minuten (inklusive Verlängerung) starken Jendrik Allendorf schickte Billigmann für die finalen Schüsse Felix Köllejan in den Kasten, und am 22-Jährigen war kein Vorbeikommen. „Es war keine Bauchentscheidung, sondern die Erfahrungen aus den vergangenen drei Jahren“, begründete Billigmann den Wechsel. Denn: Mit Köllejan im Tor haben die Bären noch nie ein Penaltyschießen verloren. Dabei bleibt es vorerst auch. HEV-Neuzugang Kovacs, Köllejans ehemaliger Kölner DNL-Kollege Berezovskij und der frühere Neuwieder Linnenbrügger zogen im Duell eins gegen eins den Kürzeren.
Bevor Kevin Wilson die Neuwieder erlöste und vor der drohenden Sommerpause bewahrte, hatten 1004 Zuschauer im Eisstadion „Im Kleinen Felde“ eine Partie gesehen, die für Herzschwache reinste Konfrontationstherapie war und mit dem EHC einen nicht unverdienten Sieger fand. Die Ice Dragons verzeichneten zwar mehr Scheibenbesitz, konnten ihre geballte Offensivpower gegen abwehrstarke Bären diesmal jedoch nicht ausschöpfen. Und das obwohl die Gastgeber mit Berezovskij und Liga-Topscorer Killian Hutt zwei Erfolgsgaranten wieder an Bord hatten, während die Blau-Weißen weiterhin auf die Schlicht-Brüder Dennis und Sven, Tobias Etzel sowie Robin Schütz verzichten mussten. Auch Patrik Morys stand nicht zur Verfügung. „Wahnsinn, was unsere verbliebenen, nicht zu bändigenden Gallier abgerufen haben“, schwärmte Manager Billigmann. „Wir waren ja in den ersten beiden Begegnungen schon richtig gut, haben heute aber noch einmal eine Schippe draufgelegt. Vor allem war das lange eine sehr clevere Vorstellung. Die Endphase der regulären Spielzeit klammere ich da einmal aus.“ Herford hingegen schien vom Kopf her schon eine Runde weiter zu sein, leistete sich ungewohnte Nachlässigkeiten, und so kassierte der Titelverteidiger seine erste Niederlage seit dem 28. Dezember. Hier und da waren unter den Fans schon erste Verabredungen für das erste Finale am Freitag in Hamm zu vernehmen, aber so weit ist es noch lange nicht. Weder Herford noch Hamm (4:5 gegen die EG Diez-Limburg) nutzten den vermeintlichen Heimvorteil zum entscheidenden dritten Sieg.
Ein durch Kapitän Fabian Staudt abgefälschter Schuss bedeutete in der 15. Minute zwar das 1:0, aber sämtliche Nackenschläge konnten den EHC nicht unterkriegen. So drehten Stephan Fröhlich (17.) und Michael Jamieson (18.) noch vor der ersten Pause das Resultat. Es war die Partie der Distanzschuss – manchmal abgefälscht, manchmal direkt durchgekommen -, die Erfolg hatten. Gleb Berezovskij glich aus der zweiten Reihe zum 2:2 aus (26.), Frederic Hellmanns Schuss veränderte Jamieson entscheidend zum 2:3 (36.). Diese vermeintlich gute Neuwieder Ausgangssituation war wenig später schon wieder Makulatur. Jan-Niklas Linnenbrügger (39.) und Kevin Rempel (40.) verpassten den Gästen zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt schwer verdauliche Kost.
Aber wie gesagt: Neuwied war der Meister im Weggestecken und startete wie entfesselt in den Schlussabschnitt. 135 Sekunden lagen zwischen den Toren zum 4:4, 4:5 und 4:6 durch Stephan Fröhlich (44.) und zweimal Martin Brabec (44., 46.). „Das hätten wir eigentlich nach Hause spielen müssen“, merkte Carsten Billigmann an. Die Partie erweckte zunächst auch nicht den Eindruck, als sollte der HEV noch einmal zurückkommen. Das taten die Dragons aber doch noch. Philipp Brinkmann in Überzahl (58.) und Leon Nasebandt (59.) verliehen ihrem Team viel Schwung für die Overtime, in dem Neuwieds Serienverlängerung am seidenen Faden hing, als Martin Brabec auf die Strafbank musste. Aber mit großem Kampf und starken Paraden von Jendrik Allendorf retteten sich die Bären über die Zeit. „Dank Jendrik sind wir erst ins Penaltyschießen gekommen“, hob Billigmann den Auftritt seines Keepers hervor. Dass Felix Köllejan das Werk mit vollendete, stand sinnbildlich für das Neuwieder Erfolgsrezept: Es war die Energieleistung des ganzen Teams, die Halbfinale Nummer vier am Sonntag erzwang.

Herford: Vogel (Stenger) – Schinke, Gehring, Reckers, Brinkmann, Kiel, Rempel – Nasebandt, Johannhardt, Skinner, Linnenbrügger, Berezovskij, Chmelkov, Staudt, Kovacs, Hutt.
Neuwied: Allendorf (ab dem Penaltyschießen Köllejan) – Pering, Hellmann, Richter, Appelhans, Neumann – Fröhlich, Asbach, Wilson, Jamieson, Müller, Brabec, Horvath, Litvinov, Wasser.
Schiedsrichter: Lars Müller/Nikolas Neutzer.
Zuschauer: 1004.
Strafminuten: 6:14.
Tore: 1:0 Fabian Staudt (Kiel, Linnenbrügger) 15‘, 1:1 Stephan Fröhlich (Hellmann, Pering) 17‘, 1:2 Michael Jamieson (Wasser) 18‘, 2:2 Gleb Berezovskij (Hutt, Skinner) 26‘, 2:3 Michael Jamieson (Wasser, Hellmann) 36‘, 3:3 Jan-Niklas Linnenbrügger (Staudt) 39‘, 4:3 Kevin Rempel 40‘, 4:4 Stephan Fröhlich (Jamieson, Hellmann) 44‘, 4:5 Martin Brabec 44‘, 4:6 Martin Brabec (Jamieson) 46‘, 5:6 Philipp Brinkmann (Skinner, Kiel) 58‘, 6:6 Leon Nasebandt (Staudt, Linnenbrügger) 59‘, Penaltyschießen: 6:7 Kevin Wilson.

Kevin Wilson (hier beim Bully gegen Gleb Berezovskij) verwandelte den entscheidenden Penalty für die Bären zum 7:6-Sieg.

2019-03-09T02:06:13+00:00

Diese Seite benutzt Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmen Sie dem zu. Datenschutzerklärung